Eine Self-Sovereign Identity (SSI) ist eine digitale Identität in einem Identitätsmodell, bei dem Personen und Organisationen ihre digitalen Identitätsnachweise selbst verwalten und kontrolliert weitergeben können. Anstelle zentral gespeicherter Identitätsdaten werden verifizierbare Nachweise in einer digitalen Wallet gespeichert und bei Bedarf selektiv offengelegt. Die Authentizität dieser Nachweise lässt sich kryptografisch überprüfen, ohne dass sensible Informationen mehrfach gespeichert oder ausgetauscht werden müssen. Dadurch behalten Nutzer die Kontrolle darüber, welche Informationen sie mit welchen Organisationen teilen und für welchen Zweck diese verwendet werden. Für Unternehmen schafft Self-Sovereign Identity die Grundlage für datenschutzfreundliche, interoperable und vertrauenswürdige digitale Geschäftsprozesse. Gleichzeitig eröffnet SSI neue Möglichkeiten, Identitäten organisationsübergreifend sicher zu nutzen und bestehende Identity & Access Management (IAM) Lösungen gezielt um dezentrale Identitätsnachweise zu erweitern.
Self-Sovereign Identity (SSI)
Was ist eine Self-Sovereign Identity (SSI)?
Eine Self-Sovereign Identity (SSI) bzw. eine dezentrale Identität (DID) gibt die Kontrolle über die Identitätsdaten zurück.
Datenschutz und Kontrolle als zentrale Vorteile von Self-Sovereign Identity (SSI)
Self-Sovereign Identity stärkt den Datenschutz, indem Nutzer selbst bestimmen, welche Identitätsinformationen sie mit einer Organisation teilen und in welchem Umfang diese verwendet werden dürfen. Unternehmen erhalten nur die Daten, die für einen konkreten Geschäftsprozess tatsächlich erforderlich sind, wodurch sich das Prinzip der Datensparsamkeit und die Anforderungen der europäischen DSGVO von 2016 einfacher umsetzen lassen. Gleichzeitig reduziert SSI den Aufwand für die Speicherung und Verwaltung sensibler personenbezogener Daten, was Sicherheitsrisiken und Compliance-Anforderungen verringern kann. Benutzer profitieren von einer höheren Transparenz und Kontrolle über ihre digitalen Identitätsnachweise, während Unternehmen effizientere Identitätsprozesse und vertrauenswürdige digitale Interaktionen schaffen können. So verbindet Self-Sovereign Identity Datenschutz, Nutzerfreundlichkeit und sichere digitale Geschäftsprozesse in einer gemeinsamen Identitätsarchitektur.
Wie Self-Sovereign Identity (SSI) technisch funktioniert
Self-Sovereign Identity basiert auf dem Zusammenspiel von Ausstellern, Inhabern und prüfenden Organisationen. Ein vertrauenswürdiger Aussteller erstellt einen digitalen Nachweis, der als Verifiable Credential an eine Wallet übertragen wird. Der Inhaber entscheidet, wann und gegenüber wem bestimmte Informationen offengelegt werden. Die prüfende Organisation kann Herkunft, Integrität und Gültigkeit des Nachweises technisch kontrollieren. Decentralized Identifiers unterstützen dabei die eindeutige Zuordnung von Identitäten, Schlüsseln und Vertrauensbeziehungen. Nicht jede SSI-Architektur benötigt jedoch zwingend eine Blockchain für Identity oder ein öffentliches Distributed Ledger. Entscheidend sind interoperable Standards, sichere Wallets und klar definierte Trust Frameworks. Erst durch dieses Zusammenspiel der nachfolgenden Standardsentsteht eine belastbare Infrastruktur für interoperable dezentrale digitale Identitäten:
W3C schafft die Grundlage für interoperable digitale Identitäten
Die Standards des World Wide Web Consortium (W3C) bilden die Grundlage für eine herstellerunabhängige und interoperable Umsetzung von Self-Sovereign Identity. Insbesondere der W3C Report zu Identity & the Web vom 19. Juni 2026 definiert, wie digitale Identitätsnachweise und dezentrale Identitäten standardisiert erstellt, ausgetauscht und überprüft werden können.
Verifiable Credentials ermöglichen vertrauenswürdige digitale Nachweise
Verifiable Credentials sind kryptografisch signierte digitale Nachweise, mit denen sich Informationen wie Identität, Qualifikationen oder Berechtigungen sicher und manipulationsgeschützt belegen lassen, wie der W3C Oveview vom 30. Juli 2026 zeigt. Nutzer entscheiden dabei selbst, welche Informationen sie gegenüber einer Organisation offenlegen und welche privat bleiben.
Decentralized Identifiers (DID) schaffen vertrauenswürdige Identitäten
Decentralized Identifiers (DID) sind weltweit eindeutige Identifikatoren, die Personen, Organisationen oder Geräte unabhängig von einer zentralen Instanz repräsentieren können. Sie bilden die Grundlage für vertrauenswürdige Beziehungen zwischen Ausstellern, Inhabern und Prüfern digitaler Identitätsnachweise.
OpenID4VC verbindet Self-Sovereign Identity mit IAM
Der Standard OpenID for Verifiable Credentials (OpenID4VC) der OpenID Foundation definiert standardisierte Protokolle für die Ausstellung, Übertragung und Prüfung von Verifiable Credentials. Dadurch lassen sich Self-Sovereign-Identity-Lösungen nahtlos in bestehende Identity- und Access-Management-Architekturen sowie digitale Geschäftsprozesse integrieren.
Mehrwert dezentraler Identitäten für Unternehmen
Self-Sovereign Identity reduziert Medienbrüche und wiederholte Identitätsprüfungen in digitalen Geschäftsprozessen. Verifizierte Nachweise können beispielsweise beim Kunden-Onboarding, im Partnerzugang oder bei Qualifikationsprüfungen wiederverwendet werden. Unternehmen erhalten nur jene Informationen, die für einen konkreten Prozess tatsächlich erforderlich sind. Dadurch lassen sich Datenschutzanforderungen und geschäftliche Effizienz besser miteinander verbinden. Gleichzeitig entstehen neue digitale Services, die auf vertrauenswürdigen und maschinenprüfbaren Identitätsdaten basieren.
Integration von SSI in bestehende IAM-Architekturen
Self-Sovereign Identity (SSI) ersetzt bestehende IAM-Plattformen nicht automatisch, sondern erweitert deren technische und organisatorische Möglichkeiten. Verifiable Credentials können als zusätzliche Identitätsquelle in Registrierungs-, Authentifizierungs- und Autorisierungsprozesse eingebunden werden. Dabei müssen Wallets, Identity Provider, Verzeichnisdienste und Governance-Prozesse sauber zusammenspielen. Besonders relevant ist die Frage, wie bestehende Rollen, Berechtigungen und Policies mit extern ausgestellten Nachweisen verknüpft werden. Auch Lifecycle-Prozesse wie Ausstellung, Aktualisierung, Sperrung und Widerruf müssen durchgängig definiert sein. Eine tragfähige Architektur berücksichtigt zudem Datenschutz, Schlüsselmanagement, Interoperabilität und die Nachvollziehbarkeit sicherheitsrelevanter Entscheidungen. SSI sollte deshalb nicht als isolierte Innovation, sondern als Bestandteil einer übergreifenden Identity-Architektur betrachtet werden. So lassen sich Pilotprojekte schrittweise in produktive IAM-Landschaften und bestehende Betriebsmodelle überführen, dies gilt besonders für Customer IAM Umgebung.
Relevante Einsatzfelder für Self-Sovereign Identity (SSI)
Self-Sovereign Identity eignet sich besonders für Prozesse, in denen vertrauenswürdige Nachweise organisationsübergreifend verwendet werden. Der Nutzen steigt, wenn mehrere Parteien Identitätsinformationen prüfen müssen, ohne dieselben Daten wiederholt zu erfassen. Mögliche Einsatzfelder sind:
- digitales Onboarding von Kunden, Mitarbeitenden und Geschäftspartnern
- Nachweise für Rollen, Qualifikationen, Mitgliedschaften oder Vollmachten
- organisationsübergreifende Zugriffe auf Anwendungen und geschützte Ressourcen
- datensparsame Alters-, Berechtigungs- oder Compliance-Prüfungen
Welche Anwendung sinnvoll ist, hängt von Geschäftsprozess, Vertrauensmodell und bestehender IAM-Architektur ab. Ein klar abgegrenzter Use Case bildet deshalb die Grundlage für eine erfolgreiche SSI-Initiative.
Synergien durch wiederverwendbare digitale Identitäten
Heute erfassen Unternehmen und Behörden Identitäten in der Regel mehrfach und verwalten eigene Onboarding-, Verifizierungs- und Identitätsprozesse sowie den dazugehörigen Datenhaushalt. Diese redundanten Abläufe verursachen hohe Kosten, erhöhen den Verwaltungsaufwand und erschweren eine durchgängige Digitalisierung. Wiederverwendbare digitale Identitätsnachweise auf Basis SSI schaffen hier Synergien, indem sie vertrauenswürdige Identitätsinformationen organisationsübergreifend nutzbar machen. Das Tony Blair Institute for Global Change schätzt, dass ein digitales Identitätsökosystem dem Vereinigten Königreich allein im öffentlichen Sektor einen wirtschaftlichen Nutzen von rund 2 Milliarden Pfund pro Jahr erschließen könnte.
Europa treibt die Einführung digitaler Identitäten voran
Die Einführung digitaler Identitäten gewinnt europaweit an Dynamik. Mit der überarbeiteten eIDAS-2.0-Verordnung schafft die Europäische Union die rechtliche Grundlage für die European Digital Identity Wallet (EUDI Wallet), mit der Bürger künftig digitale Nachweise grenzüberschreitend sicher nutzen können. Auch die Schweiz verfolgt mit der staatlichen E-ID und dem App Swiyu den Aufbau einer vertrauenswürdigen digitalen Identitätsinfrastruktur. Diese Entwicklungen schaffen neue Anforderungen an Unternehmen, die künftig digitale Identitätsnachweise sicher prüfen, verwalten und in bestehende Identity- und Access-Management-Landschaften integrieren müssen.
Self-Sovereign Identity (SSI) alleine ist kein Allheilmittel
Self-Sovereign Identity bietet großes Potenzial, ersetzt jedoch nicht automatisch bestehende Identity & Access Management (IAM) Lösungen. Der Mehrwert entsteht erst, wenn SSI gezielt in bestehende Geschäftsprozesse, Governance-Strukturen und Vertrauensmodelle integriert wird. Welche Architektur sinnvoll ist, hängt von den regulatorischen Anforderungen, den beteiligten Organisationen und dem jeweiligen Anwendungsfall ab. Auch das Fraunhofer FIT und das FIM Research Center betonen in ihrem Whitepaper "Mythbusting Self-Sovereign Identity (SSI)" von 2022, dass der Erfolg von Self-Sovereign Identity nicht allein von der Technologie, sondern ebenso von Standards, Governance und Interoperabilität abhängt
Der erfolgreiche Einstieg in Self-Sovereign Identity (SSI)
Der Einstieg in Self-Sovereign Identity beginnt nicht mit der Auswahl einer Wallet oder einer einzelnen Technologie. Zunächst müssen Zielbild, Geschäftsnutzen und beteiligte Rollen klar definiert werden. Anschliessend wird geprüft, welche Nachweise benötigt werden und welche Organisationen diese vertrauenswürdig ausstellen können. Ebenso wichtig sind Governance-Regeln für Gültigkeit, Widerruf, Haftung und den Umgang mit Identitätsdaten. Auf dieser Grundlage lässt sich eine Architektur entwickeln, die bestehende IAM-Systeme und neue dezentrale Komponenten verbindet. Ein begrenzter Pilot schafft früh Klarheit über Nutzerakzeptanz, technische Interoperabilität und betriebliche Anforderungen. IPG unterstützt Unternehmen bei der strategischen Einordnung, Architektur, Integration und Governance von Self-Sovereign-Identity-Lösungen. Damit wird aus einem Innovationsthema ein kontrollierbarer Baustein der zukünftigen Identity- und Access-Management-Landschaft.
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